Der Sporthund – Untergang der betroffenen Rassen?

In letzter Zeit liest man immer wieder von Züchtern/Besitzern von Rassen mit Arbeitslinien, dass diese Tiere im Sport „missbraucht“ werden und nicht für das eingesetzt werden, wofür sie „gemacht“ sind. Ich beziehe mich hier im Weiteren vor allem auf unsere eigene Rasse, aber auch auf Hunde im Sport im Allgemeinen.

Zunächst mal muss man feststellen, dass es eine Schande ist, was für ein Mangel an Respekt herrscht – gepaart mit oft vollständiger Unkenntnis des jeweiligen Betätigungsfeldes. Es wird hier Geltungssucht und Misshandlung unterstellt bei Turnierteilnahme etc. Sehr schade – vor allem, da z.B. beim Cocker Spaniel viele der Kritiker selbst auf Prüfungen und/oder Ausstellungen starten. Das Allerwichtigste ist doch, dass der Hund Freude an der jeweiligen Tätigkeit hat und sinnvoll ausgelastet wird – wenn dann auch noch die Anlagen gefördert werden, die rassespezifisch besonders ausgeprägt sind – umso besser 🙂

Wenn man mit seinem Hund etwas unternehmen wollte, konnte man in meiner Jugend zum Schäferhund-Verein gehen und „Unterordnung“, „Schutzdienst“ oder „Fährten“ machen. Hatte man keinen DSH (wie ich seinerzeit), wurde man müde belächelt (Augsburger Modell hin oder her). Andere Beschäftigungsmöglichkeiten gab es nicht. Ein Hund lebte in der Familie, wurde mal ein Stündchen spazieren geführt, aber das war es auch. Hunde liefen so mit, einige lebten bei Jägern oder gingen auf den Hundeplatz – mehr Auswahl war nicht. Das ist heutzutage völlig anders. Natürlich gibt es immer noch einen großen Teil von Besitzern, die ihrer Hunde halten wie früher, aber hier ist die Rede von dem rasant wachsenden Teil der Gesellschaft, der etwas Anderes sucht.

Hunde sind viel mehr als früher ein Teil der Familie, mit dem man gemeinsam Hobbys ausüben möchte. Und es sind Derer SEHR Viele inzwischen. Vom Muddy Dog Challenge bis zum Agility. Allein in de USA sind es jährlich über 1.000.000 Turnierstarts – nur im Agility. Diese Leute/Hundebesitzer als „dumme Fanatiker“ oder gar „Tierquäler“, die ihre Hunde „missbrauchen“ abzutun, wäre wohl kaum passend. Dieses Phänomen wird auch nicht wieder verschwinden oder ist einfach nur eine Modeerscheinung – vielmehr hat sich das Verhältnis zwischen Hund und Mensch ganz grundlegend gewandelt.

Oft hört man den Vorwurf, diese sportlichen Betätigungen seine nicht „rassegerecht“ aber was ist genau rassegerecht? Ein deutscher Schäferhund, der ausschließlich hütet? Welche Rasse ist denn ursprünglich gedacht für Blinde, Trümmersuche, Sport, Simkartensuche oder was auch immer? (oder sind das auch nur „dumme Moden“?) Fakt ist, dass die Tendenz immer mehr dazu geht, dass Hunde viel mehr sind, als nur „mitlaufende“ Familienmitglieder und einige Rassen/Typen eignen sich nun mal ganz besonders für bestimmte Einsatzgebiete. So werden inzwischen auch immer mehr „Gebrauchs“mischungen und und Linien in bestimmten Rassen herausgezüchtet. Das kann man gut oder schlecht finden – es ist aber die Realität.

Noch vor 20 Jahren wurden Züchter, die den VDH verlassen haben belächelt (oft zu recht, weil unseriös)  und Züchter, die „Gebrauchsmischlinge“ gezüchtet haben, verpönt. Es gab höchstens Besitzer, die „Malheure“ hatten und das waren praktisch immer Welpen von Eltern, die weder gut gehalten, noch auf irgend etwas untersucht waren. Auch das hat sich ganz grundlegend geändert. Man kann auch das gut oder schlecht finden aber ein Blick auf die entsprechenden Plattformen öffnet einem die Augen, wenn man mal über den Tellerrand schaut. (In England werden schon länger Hunde fürs Flyball gezüchtet z.B. und der Lurcher ist wohl eine am häufigsten vorkommenden Gebrauchsmischungen.)

Und natürlich möchten alle Beteiligten für ihre Zwecke gute und  gesunde Hunde haben. Womit wir bei der Rassehundezucht selbst wären.

Gute Hunde fallen nicht vom Himmel und ohne eine gewisse Mindestzahl von Zuchthunden wird der Genpool schlichtweg zu klein. Das haben in England auch viele der züchtenden Jäger erkannt. Noch vor 6/7 Jahren haben wir dort  viele abfällige Bemerkungen gehört über die Leute, die mit den Hunden nur „rumhopsen“. Das hat sich inzwischen gründlich geändert. Gerade die Sportler sind als Welpenkäufer dort inzwischen sehr geschätzt. Auch die Züchter dort können nicht alle Welpen behalten oder ausschließlich an andere Jäger abgeben. Im Gegensatz zu den sogenannten „pet owners“ haben die Sporthunde Besitzer ebenfalls Interesse an den Hunden, die high drive sind und einen starken will to please haben. Die erwünschten Eigenschaften decken sich außerordentlich stark mit denen für die Jagd dort Erwünschten – von daher gibt es mit den Besitzern von Hunden im Sport wesentlich weniger Probleme mit den abgegebenen Welpen, als z.B. mit schlechten Jägern oder „pet owners“. Im Klartext heißt das: Gerade auch die Abnehmer im Sportbereich sorgen für eine ausreichende, passende Abnehmerschaft bei den top Linien und helfen somit, sie  instand zu halten. Das belegen viele Kooperationen. Auch wir sind diese mit Jägern und jagdlichen Zuchten eingegangen und sie haben zu einer Win-win-Situation FÜR die Hunde und FÜR die Zucht geführt. Dass Sportler die Rasse „kaputt“ machen, ist von daher völlig absurd. Wir geben selbst häufig Hunde aus Agility Verpaarungen an Jäger ab, die hier in Deutschland – z.T. auch in NL von ihren Jagdkollegen erst belächelt wurden – bis sie die Hunde arbeiten sahen…..

Ab und zu sollten die Zuchtverbände in sich gehen und sich überlegen, was in der Welt so vor sich geht, wie die Gesellschaft sich entwickelt und was im Hinblick auf die Zucht noch zeitgemäß ist. Das Thema Qualzuchten lasse ich hier bewusst außen vor (das ist ein Skandal an sich und zeigt das vollständige Versagen der entsprechenden Zuchtinstitutionen, führt hier aber zu weit) und beziehe mich ausschließlich auch hier wieder auf die vorhandene Dichotomie der Rassen mit Arbeitslinien.

Grundsätzlich ist gar nichts dagegen zu sagen, dass Züchter den einen oder anderen Typ bevorzugen. Allerdings fängt bereits hier die Ungleichbehandlung an: Während es in fast allen Ländern der Welt ein außerordentlich friedliches Miteinander gibt, kommt es in Ländern mit Körungen praktisch überall zu Unstimmigkeiten. Und diese sind IMMER zum Nachteil der Zuchten mit Arbeitslinien.  Dummerweise ist in den Körländern die Exterieurbeurteilung (neben Gesundheitsuntersuchungen)  die mehr oder weniger EINZIGE Voraussetzung zur Zuchtzulassung. Damit ist ein riesiger, sehr wertvoller Genpool raus. Als Beispiel möchte ich diesmal nicht den Cocker nehmen, sondern den Hund, der zu einem großen Teil auch in Deutschland aus Arbeitslinien besteht, den Border Collie.

Der Border Collie ist eine DER Rassen, die besonders viel im Sport eingesetzt werden und sich dort besonders großer Beliebtheit erfreuen, wegen ihres Konzentrationsvermögens, Trainierbarkeit und ihrer Wendigkeit. Die Nachfrage ist daher hoch.

Bei den Züchtern der Arbeitslinien herrscht zu recht regelmäßig Frust zu Körbestimmungen, die ohne jeglichen wissenschaftlichen Hintergrund Hunde von der Zucht ausschließt, die z.B. Weiß an falscher Stelle tragen. Bei vielen dieser Rassen ist übrigens auch „zu wenig Haar“ einer der Klassiker.

Man muss als Show Typ Züchter diese Hunde nicht hübsch finden – der Punkt ist aber, dass die Gesellschaft (hier vor allem die Sportler) diese Hunde braucht. Und diese Hunde sind weiß Gott keine Qualzuchten. Warum also von der Zucht ausschließen? Sie tun niemandem weh und wer sie nicht schön findet, muss sie ja nicht einsetzen. Sie von VDH Papieren auszuschließen, ist auf lange Sicht ein Eigentor.

Die logische Folge ist, dass viele deutsche Züchter den VDH verlassen haben (ISDS / ABCD). Da hilft auch nicht, dass der entsprechende Club eine „Sporthundekörung“ eingeführt hat um das einzudämmen. Schon die Zulassungsbedingungen (3 mal V im Agility Klasse 3 oder Obedience Klasse 3 innerhalb von 12 Monaten) zeugen von völligem Unverständnis für die Situation. Für die Showhundebesitzer würde ich diese Zulassungsbedingungen übersetzen in: Mindenstens drei V1 auf einer Bundes-, Europa- oder Weltsiegerausstellung vor Zuchtzulassung – die übrigens trotzdem noch stattfindet….

Es wird dringend Zeit, dass die Vereine sich der Verantwortung bewusst werden, dass das Gros der Hundebesitzer kein Interesse an Feinheiten bei der Erfüllung eines Idealhundes nach Standard hat. (vor allem aber der Sperrung der Hunde, die diese Feinheiten nicht erfüllen!) Moderne Hundezucht ist viel mehr als eine Auslese auf Showqualitäten – vor allem aber darf sie Hunde aus Arbeitslinien nicht per definitionem – oder besser: by looks ausschließen. Das Prinzip „form follows funktion“ ist komplett verdreht. (Im Hinblick auf den Cocker Spaniel sollte man sich sowieso fragen, inwieweit der Ausschluss eines gewaltigen Teils der Population dieser Rasse überhaut noch wünschenswert bzw auch regelkonform nach FCI ist)

Schmerzlich als Züchter solcher Hunde ist es, diesen, nennen wir sie mal „sehr aktiven“ in der Regel überdurchschnittlich verantwortungsbewussten Hundebesitzern sagen zu müssen, dass es innerhalb des VDHs keinerlei Möglichkeit gibt, ihnen die Hunde zu züchten, die (beim ECS) auch noch die übergroße Mehrheit der Hunde im Mutterland ausmacht, überall immer mehr Verbreitung findet, zu recht überaus beliebt ist und nur 5 km von meinem Wohnort, genau wie in fast der gesamten Welt, völlig problemlos gezüchtet werden kann. Da kommt man als Züchter in arge Erklärungsnot. Wenn ich in England Züchtern erklären muss, dass 90% der Population (weil Working Linie) in ihrem Land nicht körfähig ist und kein einziger Teilnehmer eines Cockerspaniel Championships zur Zucht zugelassen würde hier – und ganz bestimmt auch nicht der aktuelle Gewinner dieses Championships, der sich im Besitz der Königin befindet – dann muss man das erklären können. Die Aussage: „sie entsprechen dem Standard nicht oder nicht ausreichend“ trifft auf deutlich über 20000 der im Mutterland gezüchteten 25000 Cocker Spaniel zu, die in England 2021 gezüchtet wurden. Es ist höchste Zeit für einen Realitätscheck.

Übrigens hatte man beim Cocker Spaniel keinerlei Probleme, ohne Umschweife das Einsatzgebiet in der Jagd einfach für die hiesigen Verhältnisse komplett zu ändern (und damit das Wesen) – die Hunde, die aber in England jagdlich aktiv sind, aufgrund ihres Aussehens, für hier praktisch zu 100% von der Zucht ausszuschließen, weil „nicht typisch“ und die Standardänderung, die ganz unzweifelhaft DER Wink mit dem Zaunpfahl war im Hinblick auf die Zucht in der FCI, wird ignoriert?

Ich möchte hier abschließend betonen, dass es mir fern liegt, die Hunde im Showtyp (internationale Bezeichnung und absolut NICHT abwertend gemeint!) oder ihre Züchter in irgendeiner Weise zu diskreditieren. Im Gegenteil. Viele von ihnen züchten sehr verantwortungsbewusst und eben NICHT in erster Linie für die Show. Viele dieser Züchter haben den WCS in ihrem Verein willkommen geheißen – wofür wir sehr dankbar sind! Und auch diese Hunde werden immer ihre Liebhaber haben – aber die Zahl derer, die den Arbeitstyp bevorzugen ist nun einmal gewaltig und wenn man diese Hunde innerhalb des VDHs nicht zulässt, weil die Populationssituation im Mutterland keinerlei Rolle spielt, dann kann man das einfach nicht mehr nachvollziehen.

Es wäre einfach zu schön, könnten wir hierzulande die (kör)Toleranz aufbringen, die im Rest der Welt herrscht. Gegenseitiger Respekt und Toleranz sind ein rares Gut geworden. Und leben und leben lassen ist eigentlich nicht zu viel verlangt, oder? Schließlich wird hier Niemandem geschadet. Auch, wenn Einige das glauben.

Wolferton Drama – Gewinnerin des Cockerspaniel Championships 2022

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