Warum man die Zucht von Cocker Spaniels im Arbeitstyp in Deutschland zur Zucht zulassen muss

In Deutschland klagen zwei Rassehundezuchtvereine gegen die Körung von Englisch Cocker Spaniels aus Arbeitslinien – Das Verfahren ist seit fast drei Jahren anhängig inzwischen.

Vor ein paar Tagen hatte ich ein Gespräch mit einer Dame (die ich hier anonym lasse), die Mitglied ist in einem der klagenden Klubs gegen die Zuchtzulassung von Working Cocker Spaniels im CCD (Cocker Club Deutschland). Erfrischend war es, einmal nicht beleidigt und diffamiert zu werden, sondern zu erfahren, WARUM es Leute gibt, die für diese Klage sind.

Die Bezeichnung „WCS“ oder „Working Cocker“ und „Show Typ“ oder „Show Cocker“ werden hier nachfolgend entsprechend der internationalen Verwendungsweise benutzt und sind nicht diskriminierend gemeint.

Hier nun die Zusammenfassung der Klageargumente, warum man die Zucht von WCS in Deutschland verbieten sollte, und natürlich meine Erwiderung darauf. 

Die Argumente teilen sich in zwei Bereiche: einen ‚ideologischen‘ und einen praktischen.

Unter die ‚ideologischen‘ Argumente fällt z.B., dass der WCS nicht dem Standard entspricht und darum nicht „gut genug“ für die Zucht ist.

Ein praktisches ist: Wir brauchen diese Hunde nicht in Deutschland – sie sind nur eine Modeerscheinung.

Diese beiden Argumentationsebenen werden, gepaart mit (wissenschaftlich gesehen) Unsinn angereichert und je nach gusto benutzt. 

Fangen wir also mit den ‚ideologischen‘ Argumenten an, denn diese bilden den Kern der Argumentation gegen den WCS.

Eine Bemerkung vorweg: Um die Sache nicht unnötig zu verkomplizieren, wird der Standard hier nicht zur Debatte gestellt. Wir werden ihn hier also im Weiteren als gegeben nehmen.

Der Standard ist eine vom englischen KC und von der FCI übernommene, phänotypische Beschreibung, deren Interpretation in Showkreisen – ebenfalls wie bei vielen anderen Rassen – eine sehr einseitige Entwicklung des Genpools und Erscheinungsbildes zur Folge hatte. Diese Entwicklung hat unter Showhunden im Allgemeinen keineswegs zu leistungsfähigeren oder gesünderen Hunden geführt, au contraire.

Die im Standard genannten Abweichungen und Fehler sollen „im genauen Verhältnis zum Grad der Abweichung (….) und dessen Einfluss auf seine Fähigkeit die verlangte rassetypische Arbeit zu erbringen“ (Zitat: aktueller Standard, Stand 2022) stehen. 

Der WCS hat z.B. höher angesetzte Ohren und ist oft kleiner und leichter als der Show Cocker (nochmal: internationaler Ausdruck und nicht abwertend gemeint!) und hat weniger Haar –  aber hat das irgendeinen Einfluss auf seine Leistungsfähigkeit?! Ganz sicher nicht, wenn man sich viele Field Trial Winner und andere arbeitende WCS anschaut. ALLE jagenden Cocker im Mutterland sind deshalb WCS!

Viele Show Cocker heutzutage haben dagegen ein allzu üppiges Haarkleid – DAS ist für die Arbeit ein Problem! Im Standard steht übrigens explizit über die Behaarung: „nicht zu reichlich“. Ein schönes Beispiel für eine selektive Auslegung des Standards.

Es liegt mir übrigens fern den Show Cocker hier schlecht zu reden; es sind Hunde, die durchaus (zu recht) ihre Liebhaber haben. Es geht hier schlicht darum, dass der Standard als Alibi benutzt wird, eine Jagdhunderasse nur noch im Showtyp zuzulassen, und den – im Standard sogar explizit genannten! – Arbeitstyp züchterisch auszugrenzen. Also die Hunde, die besonders geeignet sind für die im Standard geschilderte Arbeit (Rassename!).

Die Trennung in Show – und Arbeitslinien hat übrigens nur stattgefunden, weil die Showhunde in England die für den Championtitel erforderlichen „working certificates“ nicht erbringen konnten. Daraufhin wurde diese Bedingung einfach abgeschafft, und das Show-Exterieur begann sein Eigenleben, genau wie die Jägerschaft ab da ihren eigenen Weg ging. (Quelle: Jane Simmons: Cocker Spaniel; Pet Book Publishing 2010, Seite 12)

Dass selbst die Standardkommission im Hinblick auf den WCS ein Einsehen hatte, weil sie schlicht nicht mehr um diese Hunde herumkam, und daraufhin etwas tat, was bei keiner einzigen anderen Rasse je gemacht wurde, das ficht die Ideologen unter den Gegnern des WCS nicht an: Sie hat nämlich den Standard zugunsten der Arbeitslinie geändert. Darüber ärgert man sich, und versucht es ansonsten geflissentlich zu ignorieren.

Wenn man also ‚ideologisch‘ argumentiert und meint, der Showcocker ist die letzte Bastion der „wahren“ Cocker, dann ignoriert man nennenswerte Teile des Standards, die einem selbst nicht in den Kram passen. 

Ein ‚ideologisches‘ Kernargument der Klage ist, dass der WCS die Rasse „verdirbt“, weil er das Bild des Englischen Cockers in der Öffentlichkeit verändert. Eigentlich befindet sich dieses Argument auf der Grenze von ‚ideologisch‘ zu praktisch.

Wenn also der Showtyp-Halter und -Züchter der Meinung ist, dass er den „einzig wahren Cocker“ hat und man die anderen Typen verbieten muss, dann frage ich zurück: Wieso kommt diese Forderung nicht aus den Ländern, in denen der WCS massenhaft gezüchtet wird? Sind die Showcocker dort dadurch von schlechterer Qualität?! Inwieweit hat die Anwesenheit des WCS der Showcocker-Population geschadet?  Wir „ersparen“ dem Liebhaber der Rasse den Anblick des Arbeitstyps? Hier wird wohl ein wenig verkannt, WER und WAS das Bild von einer Rasse prägt: die Straße (die Hunde, die dort laufen) und Influencer (wie z.B. fast die gesamte königliche Familie – keine Corgis mehr, sondern nur noch WCS!). Im Übrigen ist eine solche Bevormundung der WCS-Interessenten mehr als zweifelhaft und das Argument, dass der Welpenkäufer „betrogen“ wird (ja, das wird tatsächlich behauptet), ist einfach nur absurd.

Davon mal abgesehen hat es historisch gesehen die Hunde in der Arbeitstyp Optik immer schon gegeben – sie sind mitnichten eine “neue” und “nicht ursprüngliche” Variante des ECS (Siehe Foto unten –  nur als ein Beispiel von Vielen).

Wenn die Welt diese Hunde ganz offensichtlich braucht und will, warum soll man sie dann in Deutschland züchterisch ausgrenzen – zumal (noch einmal!) der Standard den Arbeitstyp eindeutig zulässt?! Warum lebt man nicht einfach friedlich miteinander wie im Rest der Welt?! Selbst der Ur-Club der Rasse, The Cocker Spaniel Club, hat inzwischen eine Field Trial Section eröffnet, um den Anschluss an die Realität nicht zu verlieren.

Kommen wir jetzt zu den praktischen Argumenten:

Da wären zunächst einmal völlig abstruse wie „die Hunde hätten öfters etwas zu helle Augen und würden daher krank“ (Klageschrift) – was nicht gerade von kynologischer Kenntnis zeugt – oder, dass die WCS insgesamt krank seien aufgrund ihres schlechten Baus und daher z.B. unter ED leiden. Fakt ist: Alle in Deutschland gezüchteten Würfe sind aus Elterntieren gezogen, die ausnahmslos ED 0/0 und Patella 0/0 sind – wohingegen die allermeisten Showhunde meiner Kenntnis nach erst gar nicht hierauf untersucht werden. Auch wurden sämtliche in Deutschland gezüchteten WCS-Welpen vor Abgabe von einem Augenspezialisten als gesund zertifiziert. Soviel zu dem behaupteten Kausalzusammenhang zwischen hellerer Augenfarbe und pathologischen Abweichungen…

Das wichtigste praktische Argument ist aber, dass diese Hunde in Deutschland „nicht gebraucht“ werden. Also, wenn etwas nicht gebraucht wird – dann muss man es doch gar nicht verbieten, oder?! Dann gibt es doch auch keine Nachfrage?!

Nun zu den (wenigen) Hunden, die hierzulande noch jagdlich geführt werden: Wenn wir nochmal schauen, wofür der Cocker in der Jagd eigentlich gedacht ist und wofür er in Deutschland jagdlich eingesetzt wird, nämlich in einem völlig anderen Bereich als im Mutterland, dann hat man sich hierzulande aus „praktischen Gründen“ entschieden, sich die Rasse passend zu machen. Zum Thema Jagd und Einsatzgebiet des Cocker Spaniels gäbe es noch sehr viel mehr zu schreiben, aber das führt hier zu weit. Dazu kommt sicherlich noch ein eigener Text. Fakt ist aber, dass die in England laufenden WCS noch genau so geführt werden, wie es schon immer für die Rasse vorgesehen war und hier eben nicht. (das hat übrigens auch große Auswirkungen auch die Selektion auf unterschiedliche Charaktereigenschaften – Stichwort: will to please – und ist mit ein Grund, warum der WCS so beliebt ist bei Leuten, die mit ihren Hunden arbeiten.)

Ich denke auch: Jeder nach seiner Fasson und kritisiere diese Adaption des Gebrauchs nicht – das sollte dann aber auch für beide Seiten gelten.

Irgendwann sollte man auch schlichtweg die normative Kraft des Faktischen akzeptieren. Die Zuchtzahlen sprechen eine eindeutige Sprache: 25.000 Cocker-Welpen im Jahr 2020 (UK), davon deutlich über 20.000 WCS (zum Vergleich: in Deutschland ca. 850 Welpen in einem guten Jahr von allen Vereinen zusammen).

Ach ja: Die schiere Zahl der Hunde in England wurde gleichgesetzt mit „Hinterhof-Dackelzüchtern“, die ja auch nicht das Bild der Rasse verfälschen dürfen. Das ist nicht nur beleidigend gegenüber den vielen hervorragenden Züchtern und sämtlichen Jägern im Mutterland, sondern ganz einfach falsch. Fun fact: Für das wichtigste Event der Rasse, das englische Cocker Spaniel Championship, qualifizierte sich kein einziger Showhund (kein Wunder, denn letztere können schon bei den einfachen Field Trials nicht mithalten und nehmen deshalb auch gar nicht teil), aber absurderweise wäre keiner der teilnehmenden Hunde hierzulande körfähig – wegen „Typmangel“.

90% der Population im Mutterland werden also in Deutschland abgetan als „Hinterhofhunde, die nicht zählen“. 

Wenn die Welt den WCS nicht braucht, warum werden solche Welpenzahlen seit über 10 Jahren im Mutterland erreicht (keine Modeerscheinung also!) und warum ist die Nachfrage weltweit explodiert?! Ich selbst bekomme jedes Jahr hunderte Anfragen von hervorragend geeigneten Interessenten aus der ganzen Welt, die bestens informiert sind.

Mein Appell richtet sich daher an den gesunden Menschenverstand: Stellt euch der Zucht des Arbeitstyps nicht mehr in den Weg! Nehmt euch ein Bespiel an den Retrievern.

1. 

Die Population des Showtyps wird in keinster Weise tangiert von der Zulassung des WCS zur Zucht in Deutschland. Wer diese Hunde nicht einsetzen will, muss das auch nicht. Die Welpenklientel ist eine völlig unterschiedliche – selbst bei den jagdlich geführten!

2.

Die Zahl der WCS und die Tatsache, dass ein riesiger Teil ihrer Population von der Zucht ausgeschlossen würde, ist regelwidrig laut FCI.

3.

Die Entmündigung der zukünftigen Hundebesitzer, die den WCS im VDH gezüchtet sehen wollen, ist abzulehnen.

4.

Diese Hunde von der Zucht auszuschließen und Züchter in die Dissidenz abzudrängen hieße, sich vor der Realität, dem Rest der Welt und der Zukunft zu verstecken. 

 Foto aus dem Jahr 1942

Kleines Extra zum Nachdenken und Vergleichen:

Der Working Cocker hat also keine Möglichkeit, in Deutschland mit FCI Papieren gezüchtet zu werden – trotz Reinrassigkeit. Meanwhile in Finnland wird ganz bewusst der WORKING Cocker eingesetzt um der Rasse Kooiker wieder zu einer gesunden Basis zu verhelfen. Nebst mehreren anderen Outcrossprojekten mit Rassen untereinander. Alle diese Hunde beommen sehr wohl FCI Papiere……. hier Beispiele:

https://www.kooikerhondje.fi/index.php/en/4-kooho/news/1513-kooikerhondje-das-rassenkreuzung-outcross-projekt-in-finnland

Hier ein Youtube Video in dem der finnische Kennel Club erklärt, warum sie Outcrossprojekte machen.

Der neue Hund der Queen …

https://www.ok.co.uk/royal/the-queen-dog-cocker-spaniel-26164662?fbclid=IwAR2LldLJBsebTqBQ9a3mCx4rf_8hQ9ibYyAAGJf259RWHeELGBNuaXuCLwA

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